Unsere Barrikaden können sie brechen, unseren Willen aber nicht, und schon gar nicht die Bande zwischen uns

Seit ca. 8:40 belagern bewaffnete Uniformierte den besetzten Lobmeyr-Hof in Wien-Ottakring. Kurz darauf fingen sie an, die ersten Menschen aus ihrem Zuhause zu werfen, teils durch Androhnung von Gewalt, teils durch rohe Brutalität. Bei dem im Erdgeschoss aufwändig verbarrikadierten Haus „Gundula Hammer“ versuchten sie gar nicht erst, von unten zu kommen, sondern kamen über das Nebenhaus „Fridolin Koch“, das unten nicht oder nur wenig verbarrikadiert war. Zuerst versuchten sie, die direkte Verbindung bei den Waschküchen, diese Tür ging aber auch nach einer guten viertel Stunde nicht auf. Also gingen sie über den Dachboden, auf dem Weg mussten sie dort oben aber noch mindestens zwei verbarrikadierte Türen überwinden, um dann die ca 15 Personen abzuführen, die sich im dritten Stock aufhielten.

Die eigentliche Herausforderung kam erst dann, gut 15 Leute hatten sich auf die Dachterasse gesetzt, die Dachluke war mit diversen Gewichten beschwert, und ließ sich nicht öffnen. Also wurde die Feuerwehr organisiert, die mit ihrer Leiter von der Außenseite des Hofes einen Zugang schaffen sollte. Die Leiter ließ sich aber nicht weit genug ausfahren, sie reichte kaum an den Rand des Daches, die Kletterpartie wäre auch für die WEGA ein heikles Unterfangen geworden. Draußen wurden Sprechchöre gestartet: „Da hilft nur noch Hubschraubereinsatz, Hubschraubereinsatz, Hubschraubereinsatz…“.

Also wurden mehrere parkende Autos aus dem Weg geräumt, und ein Trampolin zum Auffangen eventuell abrutschender Uniformierter ausgefaltet. Zu diesem Zeitpunkt waren es bereits weit über zwei Stunden, seit die Exekutive begonnen hatte, den Hausfrieden zu brechen. Allein an der Öffnung der Dachluke müssen sie über eineinhalb Stunden gearbeitet haben.

Insgesamt waren zum Zeitpunkt der Räumung ca. 50 Menschen im Haus und Hof.

Pressevertreter_innen inklusive dem ORF wurde der Zugang zum Hof verweigert, auf Nachfrage hieß es, das hätte „Wiener Wohnen“ so angeordnet. „Pressesperre“ nannte das ein Polizist wörtlich. Später stellte sich heraus, dass ein Photograph, der für FPÖ und Krone arbeitet, doch hereingelassen wurde. Mensch schaue sich die Wahlergebnisse der blauen Polizeigewerkschaft bei WEGA und LVT an, diese Sonderbehandlung ist weder erstaunlich noch unüblich.

Auf die Äußerung, dass die Polizei große Schäden an dem Gebäude anrichte, sagte ein Polizist: „Ist ja eh ein Abbruchhaus“. Einiges deutet darauf hin, dass er Recht haben könnte, zumindest wenn es nach „Wiener Wohnen“ geht. In den letzten Tagen hat sich der Eindruck erhärtet, dass es weder konkrete Pläne noch einen Antrag gibt. Es ist naheliegend, dass sich die Wiener Wohnen bei dem stetig steigenden Wert von Baugrund und den ebenso steigenden Mieten in Ottakring keinen Profit entgehen lassen will. Würde sie das unter Denkmalschutz stehende Gebäude wirklich generalsanieren wollen, würde das möglicherweise sogar teuerer als ein Neubau. Die Möglichen Einnahmen durch Mieten wären auch bei Weitem nicht so groß, da die bebaute Fläche wegen dem großen parkähnlichen Innenhof im Vergleich zur Gesamtfläche recht klein ist. Mit einem Abriss und dem Bebauen der ganzen Fläche ließe sich viel mehr Geld machen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich „Wiener Wohnen“ diesen Profit nicht entgehen lassen würde.

Bereits zuvor sind in deren Auftrag mutwillige Zerstörungen am Haus vorgenommen worden, um die Bewohnbarkeit einzuschränken, so wurden zum Beispiel (fast) alle Abflüsse und Toiletten mit Bauschaum verstopft.

Anstatt auch dieses historische Gebäude dem Profitstreben der roten Wiener Immobilienmafia zu überlassen, ist dort vor knapp einer Woche ein selbstverwaltetes soziales Zentrum, das Autonome Zentrum Ottakring eröffnet, um das Haus seinem ursprünglichen Zweck, leistbaren Wohnraum für weniger betuchte Menschen zu schaffen, und dabei gleichzeitig ein Gemeinschaftszentrum zu sein, mit kollektiv nutzbarer Infrastruktur wie Bilbliothek, Werkstätten, Beratungsstellen uvm.

Aber die Räumung hat dieses Vorhaben nicht zunichte gemacht. Sie wird uns höchsten kämpferischer Werden lassen. Wer in den letzten Tagen im besetzten Lobmeyr-Hof war, hat das Knistern in der Luft zu spüren bekommen.

Anders als bei den meisten der Besetzungen der letzten Jahre war es weder eine kurzfristige Party-Besetzung, noch eine kleine Gruppe, die in einem leeren Haus auf die Räumung wartet. Die Stimmung ging schon von Anfang an in die Richtung: „Diesmal wird es anders.“ Das sollte nicht heißen, dass wir nicht mit einer Räumung gerechnet haben. Sondern dass das Gefühl da war: Hiermit startet endlich eine Bewegung!

Was bei dieser Besetzung auch herausstach: Die verschiedensten Kreise waren vor Ort und beteiligt. Das Ganze ging nicht nur nicht von einer fixen Gruppe aus. Es war auch von Vornherein ein Ort der Kooperation der verschiedensten Szene-Zusammenhänge verschiedenster Generationen, plus neuer Leute, die spontan hinzugestoßen sind.

Wir haben Bände geschlossen, die nicht mehr zu brechen sein werden. Die letzten sieben Tage waren erst der Auftakt. Wird es nicht dieses, wird es ein anderes Haus. Aber der Wille, eben genau den Lobmayr-Hof zu befreien aus den Klauen der profitstrebenden Wiener Wohnbau-Kaste ist groß.

Wir haben begriffen, dass wir uns eine materielle Grundlage erkämpfen müssen, um der herrschenden Ordnung Keile in die bereits offenkundigen Risse zu treiben.

Nun ist es Zeit, eine Kampagne zu starten gegen die rote Stadtpolitik, die ganz und gar nichts mit sozial zu tun hat. Und auch den Grünen auf die Finger zu klopfen, dass sie vielleicht doch besser nicht alles mittragen sollten, was die SPÖ anfordert. Wenn das nicht zu einer klaren Positionierung zugunsten sozialer Bewegungen führt, was wohl nicht sehr wahrscheinlich ist, dann müssen auch die Grünen endlich Zielscheibe einer Kampagne von links-unten werden.

Nach der Beerdigung von Dieter Schrage am Dienstag zog ein kleiner Demozug von der Sargfabrik in das Autonome Zentrum Ottakring. Auf dem Fronttransparent war zu lesen:

Ideen leben weiter
Wir gedenken durch die Tat

Runde eins ist zu Ende, aber das Spiel noch lange nicht.
Folgt dem Aufruf!

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Ein Kommentar zu Unsere Barrikaden können sie brechen, unseren Willen aber nicht, und schon gar nicht die Bande zwischen uns

  1. Lisa sagt:

    super sache, hoff die motivation schwindet nicht 🙂 bin derzeit in linz dabei, da siehts ganz ähnlich aus, die sache.
    good luck!!

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